16/05 2006: tlv Umfrage zur Lehrergesundheit in Thüringen 
Vorstellung des Endberichts
„Die Befragung selbst und deren aufwändige Auswertung haben viel ehrenamtliche Anstrengung erfordert. Es hat sich aber für die Thüringer Pädagogen und Schulen wirklich gelohnt“, beschreibt der tlv Landesvorsitzende, Rolf Busch, die Arbeit der vielen tlv Aktiven der letzten Monate.
Die sehr hohe Beteiligung an der Umfrage von 18,4% aller Thüringer Pädagogen hat in Fachkreisen bereits zu einer bundesweiten Beachtung geführt. Damit waren allein aus Thüringen beachtliche 4971 Fragebogen von dem Forscherteam der Uni Potsdam um Prof. Schaarschmidt auszuwerten. Die Thüringer Befragung ist Bestandteil der bundesweiten „Potsdamer Lehrerstudie“, die seit 6 Jahren durch die tlv Dachverbände Verband Bildung und Erziehung (VBE) und dbb beamtenbund und tarifunion unterstützt wird. In dieser Woche kann mit der Verteilung der Ergebnisse an die Schulen und die einzelnen Teilnehmer begonnen werden.
Im Vergleich zu den im Februar vorgestellten Zwischenergebnissen ergeben sich nur geringfügige Abweichungen bei der Musterverteilung. „Auch bei den Endergebnissen ordnen sich die Thüringer Lehrerinnen und Lehrer bezüglich der zugrunde liegenden Musterverteilung weitgehend in das problematische bundesweit vorzufindende Bild ein“, fasst Busch die Ergebnisse zusammen.
Einem bemerkenswert geringen Anteil an Muster G* (Thüringen: 16%, bundesweit: 17%) und einem relativ geringen S-Muster-Anteil (Thüringen 19%, bundesweit 23%) stehen deutlich mehr Risikomuster gegenüber (Thüringen: 37% A und 28% B, bundesweit: 30% A und 30% B). Also auch für die Thüringer Lehrerschaft gelten (mehr als in den anderen zum Vergleich herangezogenen Berufen) deutliche Tendenzen Gesundheit gefährdenden Verhaltens und Erlebens.
Eine Besonderheit bei der Thüringer Erhebung war im Unterschied zur bundesweiten Studie die Bewertung der Zufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen. Als Bereich, mit dem die größte Unzufriedenheit besteht, erweist sich die Unterstützung durch interne und externe Kräfte. Weitere kritische Einschätzungen betreffen die Bereiche Verhalten der Eltern und Möglichkeiten der Fort- und Weiterbildung. Im Ganzen zeigt sich in den Einschätzungen, dass sich die Lehrerinnen und Lehrer weitgehend allein gelassen fühlen mit schwieriger gewordenen Bildungs- und Erziehungsaufgaben. Das ist damit der wichtigste Belastungsfaktor.
Im Zusammenhang mit der Zufriedenheit ergaben sich kaum nennenswerte Unterschiede beim Vergleich nach Beamten und Angestellten, Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigten, Schulamtsbezirken sowie Stadt- und Landschulen.
Als Folgerung aus diesen Ergebnissen muss es in der Gesellschaft zu einem Umdenken kommen. Es darf nicht weiterhin aus jedem ungelösten Problem nur ein neuer Auftrag für die Schulen werden, ohne diese darauf vorzubereiten und die entsprechenden Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Vielmehr müssen die „Auftraggeber“ aus Politik, Wirtschaft und der Gesellschaft insgesamt selbst ihre konkreten Beiträge zur Veränderung offen legen und aufzeigen, welche wirkungsvollen Maßnahmen sie selbst zur Veränderung haben. Die Grenzen, die immer wieder nur in Schulen gezogen werden sollen, müssen auch endlich außerhalb von Schulen gelten.
Konkret ergeben sich für den tlv aus den Ergebnissen die folgenden vier Forderungen:
1. Bessere Unterstützung durch Eltern, weitere Fachpersonen und Institutionen wie Psychologen, Sozialarbeitern, Jugendfürsorge, Elternvertretern, übergeordneten Schulbehörden und Kommunalpolitik.
2. Überprüfung von in den letzten Jahren eingeführten Neuerungen durch das Thüringer Kultusministerium (Kopfnoten, Kompetenzbögen, Kompetenztest, veränderte Schuleingangsphase an den Grundschulen, Seminarfacharbeiten und besondere Leistungsfeststellung an Gymnasien, Lernfeldunterricht in den berufsbildenden Schulen, veränderte Schulordnung an den Regelschulen, insbesondere der Projektarbeit, einkassieren der Schulbuchpauschale). Im Ergebnis dieser Überprüfung fordert der tlv, um die Belastung zu reduzieren, dass diese Maßnahmen entweder zurückgefahren oder dafür zusätzliche Ressourcen zur Verfügung gestellt werden.
3. Qualitativ und quantitativ bessere Fortbildungsangebote, die die Fähigkeit zur erfolgreichen Belastungsbewältigung fördern und die erzieherische Kompetenz der Pädagogen weiterentwickeln helfen.
4. Die Arbeitsbedingungen außerhalb der Unterrichtstätigkeit müssen dringend verbessert werden (Erholungsmöglichkeit in Pausen, angemessen ausgestattete Arbeitsplätze in den Schulen).
Die Bemühungen des tlv haben mit dem Bericht die schwierige Situation erstmals öffentlich nachgewiesen und weit verbreitete Vorurteile endlich entkräftet. Die Ergebnisse werden deshalb in weitere konkrete Angebote des tlv einfließen.
Mit den tlv Lehrergesundheitstagen an insgesamt acht Thüringer Orten Ende Februar und darüber hinaus mehreren Kooperationsveranstaltungen mit dem ThILLM hat der tlv bereits begonnen, Fortbildungen zur Lehrergesundheit anzubieten. Das Anfang Mai im Internet gestartete Thüringer Lehrerforum als virtuelle professionelle Lerngemeinschaft stellt einen weiteren pragmatischen Ansatz als konkrete Hilfe zur Verbesserung der Situation dar. Der tlv und die Thüringer Pädagogen selbst leisten damit bereits aktive Beiträge, um den veränderungswürdigen Zustand zu verbessern. Deshalb haben wir Pädagogen jetzt das Recht, die Unterstützung von Politik und Gesellschaft im Sinne einer guten, gesunden Schule für Schüler und Lehrer ein-zufordern.
Weitere Informationen: www.tlv.de
*Kurzbeschreibung der Muster:
Muster G (Gesundheit): hohes (nicht überhöhtes) Engagement, Belastbarkeit und Zufriedenheit im Beruf, allgemeines Wohlbefinden
Muster S (Schonung/Schutz): reduziertes berufliches Engagement (oft in der Folge von Unzufriedenheit oder als Schutz vor Überforderung), Verlagerung des Interesses auf andere Lebensbereiche, kaum Einschränkung im Wohlbefinden
Risikomuster A (Gesundheitsgefährdung durch Selbstüberforderung): exzessive Verausgabung und verminderte Erholungsfähigkeit, Vernachlässigung von Erholung und Entspannung, Einschränkung der Belastbarkeit und Zufriedenheit, Gefahr des Ausbrennens und des Übergangs zum Risikomuster B
Risikomuster B (Gesundheitsgefährdung durch Resignation): reduziertes Engagement bei geringer Erholungs- und Widerstandsfähigkeit, Unzufriedenheit, Niedergeschlagenheit, Verzweiflung, Einschränkung des Selbstwerterlebens (u. U. Folge eines Burn-out-Prozesses)
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