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Schuljahresauftakt 2026/27: Thüringer Schulen brauchen jetzt Verlässlichkeit statt Stillstand

tlv fordert weitere Entlastung von Lehrkräften, Erziehern und Schulleitungen

Erfurt, 13.08.2026 – Zum Beginn des neuen Schuljahres blickt der tlv thüringer lehrerverband mit gemischten Gefühlen auf die aktuelle Situation an Thüringer Schulen. Zwar wurden in den vergangenen Monaten wichtige Themen aufgegriffen und erste Schritte zur Verbesserung der Rahmenbedingungen eingeleitet. Die Rückmeldungen aus Schulen, Horten und Schulleitungen zeigen jedoch deutlich: Die Belastungsgrenze vieler Beschäftigter ist weiterhin erreicht, teilweise bereits überschritten.

„Wir erkennen an, dass das Thüringer Bildungsministerium wichtige Herausforderungen benannt und erste Maßnahmen auf den Weg gebracht hat. Gleichzeitig erleben unsere Kolleginnen und Kollegen jeden Tag, dass zwischen politischen Zielen und schulischer Realität noch eine erhebliche Lücke besteht“, erklärt tlv-Landesvorsitzender Tim Reukauf. „Unsere Lehrkräfte brauchen Zeit für das, was ihre eigentliche Aufgabe ist: guten Unterricht und die pädagogische Arbeit mit ihren Schülerinnen und Schülern. Jede Aufgabe, die nicht zwingend von Lehrkräften erledigt werden muss, sollte deshalb konsequent aus dem Lehrerberuf herausgehalten werden.“

Schulleitungen fordern weniger Bürokratie und mehr Handlungsspielraum

Aus zahlreichen Gesprächen mit Schulleitungen wird deutlich, dass der Wunsch nach Entlastung ungebrochen ist. Neben dem weiterhin bestehenden Personalmangel belastet insbesondere die zunehmende Bürokratie die Schulen.

Viele Schulleitungen wünschen sich digitale Lösungen aus einer Hand. Die Thüringer Schulcloud sollte perspektivisch zu einer umfassenden Plattform weiterentwickelt werden, die Kommunikation, digitales Klassenbuch, Notenverwaltung und Zeugniserstellung miteinander verbindet. Noch immer müssen viele Daten mehrfach erfasst werden, obwohl moderne digitale Werkzeuge dies längst vereinfachen könnten.

Hinzu kommen Forderungen nach klaren und verbindlichen Schnittstellen zu Jugendämtern sowie einer besseren Erreichbarkeit unterstützender Behörden. Gerade bei schwierigen Einzelfällen fühlen sich Schulen häufig allein gelassen.

„Wer von Schulen individuelle Förderung, Inklusion, Ganztag und Krisenbewältigung erwartet, muss ihnen auch die notwendigen Instrumente zur Verfügung stellen. Verantwortung und Handlungsmöglichkeiten müssen zusammenpassen“, so Reukauf.

 

Ganztag gelingt nur mit starken Erzieherinnen und Erziehern

Besonders deutlich werden die Herausforderungen im Hort- und Ganztagsbereich. Die Rückmeldungen aus der Arbeitsgemeinschaft Erzieherinnen und Erzieher im tlv zeigen, dass eine erfolgreiche Umsetzung des Ganztags nur gemeinsam mit ausreichend Personal gelingen kann.

Deshalb erneuert der tlv seine Forderung, den vom Land angestellten Horterzieherinnen und Horterziehern grundsätzlich die Möglichkeit zu geben, ihren Beschäftigungsumfang auf 100 Prozent zu erhöhen beziehungsweise in Vollzeit beschäftigt zu werden. Es würde den Schulen deutlich mehr Flexibilität verschaffen und die Zusammenarbeit innerhalb der pädagogischen Teams stärken.

Gleichzeitig fordert der Verband einen verbindlichen Betreuungsschlüssel im Hortbereich. Während für den Unterricht Klassenteiler gelten, fehlen vergleichbare verbindliche Vorgaben vielerorts im Hort. Die bisher bestehenden Empfehlungen reichen nach Auffassung vieler Praktiker nicht aus, um eine hochwertige Betreuung dauerhaft zu gewährleisten.

„Wenn wir den Ganztag modern und qualitativ hochwertig gestalten wollen, müssen Erzieherinnen und Erzieher als gleichberechtigter Teil des pädagogischen Teams verstanden werden. Sie sind längst weit mehr als Betreuungskräfte am Nachmittag“, betont Reukauf. „Wenn wir den Ganztag ernst meinen, müssen wir auch die personellen Voraussetzungen dafür schaffen. Unsere Erzieherinnen und Erzieher leisten einen unverzichtbaren Beitrag zur Bildung und Betreuung der Kinder. Gleichzeitig haben wir an vielen Schulen einen erheblichen Personalbedarf. Es ist deshalb nicht nachvollziehbar, vorhandenes Personal nicht stärker einsetzen zu können.“

 

Erzieher fühlen sich oft nicht ausreichend wahrgenommen

Nach Einschätzung vieler Beschäftigter fehlt es zudem an einer stärkeren fachlichen Verankerung des Ganztags im Ministerium. Erzieherinnen und Erzieher wünschen sich feste Ansprechpartner sowie eine dauerhafte Zuständigkeit für die Belange des Hort- und Ganztagsbereichs.

Darüber hinaus sehen viele Beschäftigte Reformbedarf bei den traditionellen Strukturen in Grundschulen. Während Erzieherinnen und Erzieher bereits am Vormittag zunehmend pädagogische Aufgaben übernehmen und Lehrkräfte unterstützen, fühlen sie sich während der Mittags- und Nachmittagsbetreuung häufig allein verantwortlich.

Die steigende Zahl von Kindern mit Förderbedarfen, Verhaltensauffälligkeiten und besonderem Unterstützungsbedarf stellt Lehrkräfte und Erzieher gleichermaßen vor große Herausforderungen. Gute Bildung kann deshalb nur gelingen, wenn beide Professionen noch enger zusammenarbeiten und gemeinsam Verantwortung übernehmen.

 

Inklusion und Unterstützungssysteme weiterentwickeln

Auch bei der Inklusion sehen viele Schulen weiteren Handlungsbedarf. Schulbegleitungen sollten stärker systemisch eingesetzt werden, anstatt ausschließlich einzelnen Kindern zugeordnet zu sein. Klassenbezogene Unterstützung könnte sowohl die betroffenen Schülerinnen und Schüler als auch Lehrkräfte und Mitschüler wirksamer entlasten.

Zudem wünschen sich Schulen mehr Möglichkeiten, um bei sicherheitsrelevanten Vorfällen, Gewalt oder akuten Krisensituationen handlungsfähig zu bleiben. Hier braucht es rechtssichere Regelungen und eine enge Zusammenarbeit aller beteiligten Institutionen.

 

Bildungspolitik muss jetzt konsequent weiterarbeiten

Der tlv sieht Thüringen insgesamt auf einem Weg, der in vielen Bereichen in die richtige Richtung weist. Gerade deshalb dürfe das Tempo bei Reformen nicht nachlassen.

„Unsere Schulen brauchen keine weiteren Ankündigungen, sondern spürbare Verbesserungen im Alltag. Lehrkräfte, Erzieherinnen, Erzieher und Schulleitungen leisten jeden Tag Herausragendes. Sie erwarten zu Recht, dass die begonnenen Entwicklungen konsequent weitergeführt werden“, erklärt Reukauf.

 

Gute Bildung braucht gute Arbeitsbedingungen

Der tlv verbindet den Schuljahresauftakt deshalb mit einem klaren Appell an die Landespolitik: Die Verbesserung der Arbeitsbedingungen muss weiter ganz oben auf der bildungspolitischen Agenda stehen.

Dazu gehören aus Sicht des tlv:

  • konsequente Entlastung von Lehrkräften und Schulleitungen,
  • Abbau unnötiger Bürokratie und Verwaltungsaufgaben,
  • eine stärkere Unterstützung der Schulen durch multiprofessionelle Teams,
  • eine angemessene Anerkennung zusätzlicher Aufgaben,
  • bessere Rahmenbedingungen für Erzieherinnen und Erzieher,
  • die Möglichkeit einer Vollzeitbeschäftigung beziehungsweise Aufstockung auf 100 Prozent für landesangestellte Horterzieherinnen und Horterzieher,
  • und ein Ganztag, der seinem pädagogischen Anspruch tatsächlich gerecht werden kann.

„Die beste Bildungspolitik nützt wenig, wenn die Menschen, die sie umsetzen sollen, dauerhaft an ihre Belastungsgrenzen kommen“, so Reukauf. „Deshalb werden wir auch im Schuljahr 2026/27 genau hinschauen, ob die angekündigten Verbesserungen tatsächlich bei den Beschäftigten und damit letztlich bei den Kindern und Jugendlichen ankommen.“

 

Abschließend betont der Landesvorsitzende:

„Wer die bestmögliche Bildung für unsere Kinder will, muss die Arbeitsbedingungen der Menschen verbessern, die diese Bildung jeden Tag ermöglichen. Thüringen ist auf dem Weg. Jetzt darf dieser Schwung nicht verloren gehen.“

Pressekontakt
tlv thüringer lehrerverband
Tim Reukauf
0361 30 25 26 31
t.reukauf@tlv.de

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