Die aktuellen Ergebnisse der PISA-Studie sind alarmierend. Dass deutsche Schülerinnen und Schüler in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften so schlecht abschneiden wie nie zuvor, darf niemanden kaltlassen.
Bundesbildungsministerin Karin Prien bezeichnet die Ergebnisse als „besorgniserregend“ und erklärt zugleich, dass sie nicht überraschend seien. Genau hier stellt sich aus Sicht des tlv die entscheidende Frage: Wenn die Probleme seit Jahren bekannt sind, warum wurden die notwendigen Konsequenzen nicht mit der erforderlichen Entschlossenheit gezogen? Wer als Bundesbildungsministerin feststellt, dass die Befunde bekannt waren, darf sich nicht auf die Rolle der Beobachterin beschränken. Die Aufgabe politischer Verantwortungsträger besteht darin, Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und gegenzusteuern.
Besonders besorgniserregend ist die Feststellung der Ministerin, dass das Aufstiegsversprechen unseres Bildungssystems derzeit nicht funktioniert. Dieser Einschätzung können wir uns anschließen. Seit Jahren zeigt sich, dass die soziale Herkunft in Deutschland weiterhin erheblichen Einfluss auf den Bildungserfolg hat. Kinder aus sozial benachteiligten Familien starten noch immer mit deutlich schwierigeren Voraussetzungen in ihre Bildungsbiografie. Der aktuelle Bildungsbericht bestätigt erneut, dass Bildungschancen in Deutschland nach wie vor stark von der sozialen Herkunft abhängen.
Für den tlv ist deshalb klar: Die eigentliche Herausforderung besteht nicht allein darin, die schlechten Testergebnisse zu beklagen. Entscheidend ist, die Ursachen endlich konsequent anzugehen. Dazu gehören eine deutlich stärkere Förderung der Sprachbildung bereits vor der Einschulung, eine bessere personelle Ausstattung der Schulen, kleinere Lerngruppen dort, wo besondere Herausforderungen bestehen, sowie eine gezielte Unterstützung von Kindern aus sozial benachteiligten Familien. Wer Chancengerechtigkeit ernst meint, muss dort investieren, wo die Bildungsungleichheit entsteht.
Die aktuellen PISA-Ergebnisse zeigen zudem, dass sowohl die leistungsschwächeren als auch die leistungsstarken Schülerinnen und Schüler schlechter abschneiden als in der Vergangenheit. Auch diese Entwicklung hat Karin Prien zu Recht angesprochen. Sie verdeutlicht, dass das Problem inzwischen die gesamte Leistungsbreite betrifft. Es geht längst nicht mehr nur um einzelne Risikogruppen, sondern um die Leistungsfähigkeit des Bildungssystems insgesamt.
Als tlv thüringer lehrerverband erwarten wir daher von der Bundespolitik mehr als die Beschreibung des Problems. Notwendig sind konkrete Maßnahmen, langfristige Investitionen und vor allem Verlässlichkeit für Schulen und Lehrkräfte. Bildungspolitik braucht einen langen Atem. Wer heute über den Fachkräftemangel von morgen spricht, muss heute in Bildung investieren.
Die Lehrkräfte leisten täglich Außergewöhnliches. Sie können aber gesellschaftliche Probleme nicht allein lösen. Wenn die soziale Schere weiter auseinandergeht und immer mehr Kinder mit schwierigen Startbedingungen in die Schulen kommen, braucht es einen starken Staat, der Bildung tatsächlich zur Priorität macht.
Die PISA-Ergebnisse sind deshalb nicht nur ein Weckruf für die Schulen, sondern vor allem ein Weckruf für die Politik. Wer seit Jahren weiß, dass sich die Entwicklung verschlechtert, muss sich heute auch fragen lassen, warum nicht früher und entschlossener gehandelt wurde. Die Schülerinnen und Schüler unseres Landes dürfen nicht die Leidtragenden politischer Versäumnisse sein.
tlv thüringer lehrerverband
Landesvorsitzender Tim Reukauf
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